Auf verschlungenen Pfaden

Stell dir vor, du sitzt in einem Einbaum mitten auf einem grossen, afrikanischen Fluss. Du hörst von weitem Vogelgezwitscher und das Schreien der Affen aus den Bäumen am Ufer. Das Plätschern des Wassers vermischt sich mit dem Wechselrhythmus der Pedalos, welche kraftvoll von den Ruderern durchs Wasser gezogen werden. Langsam gleitest du über die Wasseroberfläche und suchst den nächsten Mäander nach dem Auftauchen eines Flusspferdes ab. Ja, wenn die dann brüllen, tönt es schon unheimlich. Wehe, wenn du ihnen in die Quere kommst, wenn sie Junge haben – aber glücklicherweise ist jetzt für sie nicht die Jahreszeit, so schweifen meine Gedanken ab.

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«Bale, Bale, Bale» entfährt es plötzlich meiner Kehle. Ich kann nicht anders. Ich muss einfach im Takt der schlürfenden Rudergeräusche diese Worte singen. Und die Ruderer stimmen in den Wechselgesang ein: «humm, Bale, Bale, humm». Bale ist der einheimische Name für Ubangi-Fluss. Dies ist der grosse Grenzfluss zum südlichen Kongo.

Toni mit Angel
Zwar gefischt, aber nichts gefangen

Eine Woche waren wir auf diesem Fluss unterwegs, ohne jegliches Motorengeräusch und ohne jegliche Zivilisation. Aber bestückt mit dem Jesusfilm, den wir dann immer abends in einem anderen Flussdorf zeigten. Der Film war auf Sango, der Landessprache der RCA und hier am Fluss ist die Wiege dieser Sprache.

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Das können die einheimischen Fischer viel besser

Diese Erinnerungen an unsere Flussfahrten vor mehr als 25 Jahren sind mir durch den Kopf gegangen, als ich den letzten Reisebericht von Eugène in FB gesehen habe. Die Strecke Bangui-Alindao konnte er mit Leichtigkeit mit dem Flugzeug der UNO, welche von UNHAS betrieben wird bewältigen. Jedoch der Weg ins Hinterland ist das reinste Abenteuer.

Leute in der Piroque anonymisiert
Mit dem Einbaum über verschlungene Pfade und Flüsse hinter die Frontlinie. Die Gesichter sind gepixelt, damit sie nicht von den falschen Leuten erkannt werden.

Ohne Begleitschutz wäre diese Reise sehr gefährlich. Gilt es doch, hinter die Frontlinie der Rebellen ins Heimatdorf zu kommen. Auf den Hauptstrassen ist dies zurzeit undenkbar, und so benutzen sie total verschlungene Pfade. Mit Motorrad, Einbaum und zu Fuss.

Leute mit dem Moto unterwegs anonymisiert
Mit Motorrädern oder zu Fuss – immer mit Begleitschutz
Eugène mit Toni
Eugène, mein erster Freund auf facebook in der RCA

Aber auf unserer Hauptstation gibt es immer noch Internet, was dich fast irre macht. Unsere Leute erleben unter Lebensgefahr die heftigsten Abenteuer und teilen diese dann auf FB.

Welch verkehrte Welt. Diese Welt müsste doch mit all den modernen Kommunikationsmöglichkeiten in der Lage sein, die Probleme in der RCA zu erkennen. Hier geht es nicht nur um hunderttausende von Flüchtlingen, sondern von 1.1 Millionen. Ein Teil ist im Inland und ein grosser Teil im nahen Ausland.

Hoffen wir dass die UNO ihre Versprechen einhalten. Antonio, mein Namensvetter vom UNO-Hauptsitz, welcher das Land kürzlich besuchte, hat nämlich versprochen, die Truppen aufzustocken und die Probleme wirklich zu lösen.

Aber noch viel mehr hoffen wir, dass unsere Leute vor Ort durchhalten und ihr Gottvertrauen nicht verlieren.

Auf dem Titelbild ist der Kotto-Fluss ersichtlich beim Hinflug von Bangui nach Bangassou-Alindao im Januar 2017.

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